Das französische Sozialversicherungssystem II - Zweig „Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten“

2016

Die Leistungen der Arbeitsunfalls- und Berufskrankheitsversicherung werden von den Ortskrankenkassen (CPAM, bzw. CGSS in den französischen Überseegebieten bzw. CRAM in der Pariser Region) zugeteilt.

Begriffsbestimmung

Der Schutz gegen Arbeitsrisiken ist den Lohnabhängigen sowie mit diesen gleichgestellte Personen vorbehalten. Den Schutz genießen auch noch gewisse andere Gruppen wie zum Beispiel Berufsschüler, Lehrlinge und Teilnehmer von beruflichen Ausbildungslehrgängen.

Ein Arbeitsunfall ist ein Unfall der sich "durch die oder angelegentlich der Arbeit" ereignet. Zu den Arbeitsunfällen werden auch die Wegeunfälle gezählt, das heißt Unfälle auf dem Weg von und zur Arbeit und auf dem Weg von und zu der Stätte, wo der Arbeitnehmer üblicherweise seine Mahlzeit zu sich nimmt.

Berufskrankheiten: Gesetzlich gleichgestellt mit den Arbeitsunfällen sind die sogenannten Berufskrankheiten, da sie ebenfalls durch die Arbeit hervorgerufen werden. Sie sind auf einer Liste (98 Einträge) verzeichnet.

Formalitäten

Der Verletzte eines Arbeitsunfalls muss den Unfall seinem Arbeitgeber binnen 24 Stunden melden. Der Arbeitgeber muss den Unfall binnen 48 Stunden der Ortskrankenkasse melden und dem Arbeitnehmer einen Unfallschein ausstellen, den dieser seinem Arzt vorlegt, was es ihm erspart, die Behandlungskosten vorzulegen.

Leistungen

Sofort mit dem Unfall (bzw. der Feststellung der Berufskrankheit) beginnt eine Periode vorübergehender (vollständiger oder teilweiser) Arbeitsunfähigkeit, die mit der Heilung der Krankheit oder der Verletzungen endet. Die Leistungen der Arbeitsunfallversicherung stehen dem Verletzten zu, ohne dass es irgendwelche Bedingungen bezüglich der vorangehenden Versicherungszeiten oder Tätigkeitsdauer gäbe.

A - LEISTUNGEN BEI VORÜBERGEHENDER ARBEITSUNFÄHIGKEIT

1. Sachleistungen

Die Sachleistungen der Arbeitsunfallversicherung werden unter den gleichen Bedingungen wie die Sachleistungen der Krankenversicherung gewährt. Es werden jedoch hier die Kosten der Gebührenordnung zu 100 % übernommen. Bei Krankenhausaufenthalt wird weder die Tagespauschale noch die Pauschale von 18 € für aufwendige Leistungen erhoben.

Der Verletzte hat die Behandlungskosten nicht vorzustrecken. Die zuständige Kasse begleicht Ärzte, andere medizinische Leistungserbringer und Krankenanstalten direkt.

2 - Geldleistungen

Tagesgeld

Am Tag des Unfalls steht dem Verletzten das Arbeitsentgelt seitens seines Arbeitgebers zu. Ab dem Folgetag steht ihm eine tägliche Entschädigung in Höhe von 60 % seines Tagesentgeltes zu, das auf 1/30,42 € des letzten Monatsarbeitsentgelts vor dem Eintreten der Arbeitsunfähigkeit des Arbeitnehmers angesetzt wird, höchstens jedoch 193,23 € pro Tag beträgt. Die Entschädigung erhöht sich ab dem 29. Tag der Krankschreibung auf 80 % (wobei der Höchstbetrag 257,65 € beträgt), ohne dass es dabei wie bei der Krankenversicherung Voraussetzung wäre, dass er unterhaltspflichtige Kinder hat.

In jedem Fall darf die Entschädigung pro Tag 79 % des anzuwendenden Bruttoentgeltes nicht überschreiten (Es wird ein Pauschalbetrag von 21 % angewendet).

Der Betrag der Entschädigung pro Tag darf nicht höher sein als das Nettoentgelt pro Tag des Verletzten vor dem Unfall.

Vorübergehende Entschädigung bei Arbeitsuntauglichkeit

Wenn ein Arbeitsunfallverletzter vom Arbeitsmediziner als untauglich für die Tätigkeit an seinem Arbeitsplatz erklärt wird, muss ihm der Arbeitgeber binnen eines Monats einen anderen Arbeitsplatz anbieten oder, wenn dies nicht möglich ist, ihm wegen Arbeitsunfähigkeit kündigen.

Während der Zeit, in der der Betroffene weder Arbeitsentgelt noch Tagesgeld erhält, kann ihm die sogenannte vorübergehende Entschädigung bei Arbeitsuntauglichkeit zukommen. Ihr Betrag ist identisch mit dem Tagesgeld, das er während der Krankschreibungszeit vor der Untauglichkeitserklärung des Arbeitsmediziners bezog. Wenn der Betroffene eine Arbeitsunfähigkeitsrente bezieht, wird der Betrag der vorübergehenden Untauglichkeitsentschädigung von dieser abgezogen. Die Dauer der Zuteilung der vorübergehenden Untauglichkeitsentschädigung darf nicht mehr als 1 Monat betragen.

B - LEISTUNGEN BEI DAUERHAFTER ARBEITSUNFÄHIGKEIT (RENTEN)

1 - Rente des Verletzten

Bei der Berechnung des Betrags der Rente sind zwei Elemente zu berücksichtigen:

  • Grad der Arbeitsunfähigkeit
  • Früheres Entgelt

a) Grad der dauerhaften Arbeitsunfähigkeit

Die Ortskrankenkasse bestimmt den Grad der tatsächlichen Arbeitsunfähigkeit aufgrund eines Gutachtens, wobei sie eine offizielle Berechnungstafel verwendet und den Allgemeinzustand, das Alter, die körperlichen und geistigen Fähigkeiten, die Eignung und die berufliche Kompetenz des Verletzten berücksichtigt.

Der so bestimmte Satz wird berichtigt: Der Anteil bis zu 50 % wird um die Hälfte verringert, wohingegen der Anteil, der 50 % übersteigt, um die Hälfte erhöht wird.

Beispiel: Es wurde ein Grad von 70 % bestimmt, er wird folgendermaßen berichtigt:

  • (50 % : 2) + ( 20 % x 1,5) = 25 % + 30 % = 55 %. Der Satz der Rente beträgt 55 %.

b) Entgelt

Das Mindestjahresentgelt, das der Berechnung einer Verletztenrente bei einer Arbeitsunfähigkeit von mindestens 10 % zu Grunde gelegt wird, beläuft sich auf 18.263,54 € .

Bis zu einer Höhe von 2 S (18.263,54 x 2 =36.527,08 €) wird das Arbeitsentgelt des Verletzten vollständig berücksichtigt. Der Anteil des Arbeitsentgelts, der den Betrag von 2 S übersteigt, ohne den Betrag von 8 S (= 146.108,32 €) zu übersteigen, wird zu einem Drittel angerechnet.

Was das Arbeitsentgelt um 8 S übersteigt, wird nicht berücksichtigt.

c) Drittperson

Beträgt der Grad der dauerhaften Arbeitsunfähigkeit des Verletzten mindestens 80 % und ist er unfähig, allein die Aufgaben des täglichen Lebens zu bewältigen, hat er zusätzlich zur Erwerbsunfähigkeitsrente Anrecht auf eine Zusatzleistung. Der zum 1. April 2013 geleistete Aufschlag für Pflegebedürftige als zusätzliche Leistung zu einer Unfallrente wurde durch die Zusatzleistung zur Finanzierung einer Pflegeperson (prestations complémentaire pour le recours à une tierce personne – PCRTP), deren Höhe vom Pflegebedürfniss des Verletzten abhängt, ersetzt. Die Bestimmung des Pflegebedürfnisses durch den Vertrauensarzt der zuständigen Kasse erfolgt anhand einer Liste mit zehn Verrichtungen des täglichen Lebens, zu welchen der Verletzte die Hilfe einer dritten Person benötigt.

Die Leistung kommt mit drei Pauschalbeträgen zur Auszahlung (Stand. 01.04.2014):

  • 551,55 € falls der Verletzte zwischen 3 und 4 Verrichtungen nicht selbständig bewältigen kann,
  • 1103,08 € falls der Verletzte zwischen 5 und 6 Verrichtungen nicht selbständig bewältigen kann,
  • 1654,63 € falls der Verletzte mindestens 7 Verrichtungen nicht selbständig bewältigen kann oder falls der Verletzte aufgrund neurologischer Störungen sich selbst oder Dritte in Gefahr bringt.

2. Rente für Hinterbliebene

Führt der Unfall oder die Berufskrankheit zum Tode des Opfers, haben folgende Personen Anrecht auf eine Hinterbliebenenrente:

  • Ehepartner, in eheähnlicher Lebensgemeinschaft stehende Partner und Partner eines zivilen Solidaritätspakts. Sie haben im Prinzip Anrecht auf eine Rente in Höhe von 40 % des Arbeitstentgeltes des Verletzten; wenn diese über 55 Jahren alt sind oder eine Arbeitsunfähigkeit von mindestens 50 % aufweisen, erhalten sie einen Rentenzuschlag von 20 %.
  • unterhaltsberechtigte Kinder und Nachfahren unter 20 Jahren. Ihre Rente beträgt im Prinzip 25 % des Jahresentgelt des Verletzten für die zwei ersten Kinder und 20 % für die weiteren Kinder. Ist das Kind Vollwaise, beträgt die Rente 30 %.
  • Verwandte in aufsteigender Linie, die Anrecht auf Unterhaltsgeld gehabt hätten, wenn der Verletzte weder EhepartnerIn noch Kinder gehabt hätte. Hinterlässt der Verletzte EhepartnerIn oder Kinder, müssen die Verwandten in aufsteigender Linie vom Verletzten versorgt worden sein, um Anrecht auf Rente haben zu können. Die Rente beträgt im Prinzip 10 % des Jahresengeltes des Verletzten, wobei der Gesamtbetrag der Renten für Verwandte in aufsteigender Linie nicht 30 % übersteigen darf.

Der Gesamtbetrag der Renten für Hinterbliebene darf nicht mehr als 85 % des Jahresentgeltes ausmachen, aufgrund wessen sie berechnet wurden (gegebenenfalls wird die Höhe einer jeden Verletztenrente gekürzt.)

Weitere Informationen finden sich auf der Webseite "Arbeitsunfälle" http://www.risquesprofessionnels.ameli.fr/